Produktionen Rudolf-Oetker-Halle

Trickster Orchestra – Hintergründe zu den Werken

Erfahren Sie hier mehr zu den Werken, die das Trickster Orchestra gemeinsam mit den Artist in Residence des Bielefelder Studios am 24.02.26 in der Rudolf-Oetker-Halle präsentieren werden.

Beschreibende Texte des Trickster Orchestra zu ihren Werken

 

Ketan Bhatti
Dance for Nerds (2020)

Diese Komposition treibt Rhythmus an seine Ränder. Sie zieht Impulse aus Clubmusik und Hip-Hop in den kammermusikalischen Kontext und setzt sie dort unter Spannung. Akustische Instrumente ahmen elektronische Klänge nicht bloß nach, sondern verbiegen und verwandeln sie durch ihre Spielweisen. So kann ein akustisch erzeugter Puls plötzlich technoid wirken, während ein elektronischer Beat durch irreguläre Akzente ins Taumeln gerät. Dance for Nerds bewegt sich genau in diesem Zwischenzustand: zwischen metrischer Präzision und rhythmischer Störung – zwischen Kopfnicken und dem merkwürdigen Gefühl, doch nicht mittanzen zu können.

 

Cymin Samawatie
Revamp (2025)

Revamp rückt klangliche Störungen, Spiegelungen und Überblendungen trennender Ordnungen im Ensemble ins Zentrum. Im Fokus steht das Zusammenspiel von Kontrabassblockflöte und Koto: zwei Instrumente mit deutlich unterscheidbaren Klangwelten, die zunächst nebeneinanderstehen und sich nach und nach ineinander verstricken. Improvisatorische Passagen entgrenzen den notierten Rahmen, lassen ihn atmen und kippen. So pendelt das Stück zwischen kompositorischer Setzung und kollektivem Prozess und tastet den Grenzbereich zwischen individuellen Musiker*innen und den Rahmensetzungen von Traditionen und an das Instrument gebundenen Spieltechniken aus.

 

Cymin Samawatie
Azadi (2022, Text Cymin Samawatie, persische Nachdichtung Jamshid Razban; Zitat der Komposition mit Text Flow my Tears von John Dowland, ca. 1596)

Einen Monat nach dem Mord von Jina Mahsa Amini durch das menschenverachtende Regime im Iran entstanden, verbindet Azadi Jazz und Alte Musik zu einem eindringlichen musikalischen Statement gegen Unterdrückung – nicht nur im Iran. »Meine Worte können nicht beschreiben, was meine Augen sehen; Mein Herz nicht ertragen, was meine Gefühle hervorrufen; Meine Tränen nicht auffangen, was das Leben hinterlässt«, singt Cymin Samawatie. Das Ensemble antwortet mit John Dowlands (gest. 1626) zeitlosem Lamento Flow my Tears. Vergangenheit und Gegenwart greifen ineinander, Trauer und Widerstand verschränken sich. Das Stück steht als Zeichen der Solidarität mit den Frauen und Menschen im Iran, die für Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen.

 

Zara Ali
zerfasert ˈtsɛr.faː.zɐt (2026, Uraufführung; Text Sina Ahlers, Medienkunst Katharina Mänz)

Im Zentrum des Programms steht die Uraufführung des Quintetts zerfasert ˈtsɛr.faː.zɐt von Zara Ali, einer Verflechtung von Musik, Sprache und Medienkunst. Dieses Werk führt in existenzielle Grenzzonen, in denen Leben unter extremem Druck steht. Ausgehend vom Text KOLOSS von Sina Ahlers entwirft die Komposition für Sheng, Koto, Nay, Qanun und Bassflöte Klang als Körper, der sich unter Druckabstufungen formt, verformt und anpasst. Wie ein Tiefseeorganismus, der in Zonen lebt, in denen das Licht schwindet und Lebewesen ihre Umgebung über Vibrationen im Wasser wahrnehmen, wird die Musik aus der Perspektive eines fiktionalen Meereswesens gestaltet: des Koloss. Seine Gestalt verändert sich radikal mit dem Wasserdruck und der erreichten Tiefe.

Der Atem bildet das primäre Medium, die Lebenskraft des Koloss. Nay und Bassflöte erzeugen instabile, gestimmte Luftsäulen – Töne, die schwanken, ausfransen und an ihren Rändern ausdünnen. Sie evozieren ein Überleben nahe der Grenze des Sauerstoffs und zirkulieren eher nach innen, als dass sie sich nach außen richten. Die Sheng mit ihrer Pfeifenpolyphonie und ihrem kontinuierlichen Luftstrom fungiert als Atemsystem des Ensembles, als Dreh- und Angelpunkt, der die umgebende Textur tragen, umhüllen oder überformen kann.

Vor diesem atembasierten Feld setzen Qanun und Koto flüchtige Druckpunkte, die die Strömungen von Phrasierungen aufbrechen und zugleich fluide akzentuieren. Die mikrotonalen Verformungen der Qanun, verändert durch Hebelmechanik und Berührung, lassen Tonhöhen unter Spannung kippen. Die langen, resonierenden Saiten der Koto – aktiviert durch Zupfen, Dämpfen und Gleiten – erzeugen ein neues Gefühl von Schwerkraft, das in der Tiefe schwebt und Empfindungen von Gewicht und Bewegung verschiebt.

Die klangliche Identität des Koloss entsteht nicht durch Intention oder gerichtetes Ego, sondern formt sich durch Umgebung und Nähe. Medienkunst und fortschreitend manipulierte Lautsprache verstärken diese Genese: Text zerfällt in Fragmente, Bedeutung löst sich in Klang auf. Stimme und Instrument spiegeln einander, tauschen Rollen und verwandeln sich im gemeinsamen Raum.

 

Ketan Bhatti
Hafen vor Tounsibuurg (2021)

Auch dieses Stück nimmt das Wasser zum Ausgangspunkt. Der titelgebende Hafen liegt vor Tounsibuurg – einem imaginären Ort an der Schwelle zum Offenen. Als Raum von Ankunft und Abschied, von Bewegung und Verharren, wird der Hafen zur akustischen Schwellenzone. So erkundet das Stück die uneindeutigen Schnittbereiche zwischen Komposition und Improvisation und wird zum Tor, das ins Ungewisse führt. Umrisse verschwimmen und erzeugen eine fluide Mehrdeutigkeit von Stilen und Interaktionsformen im trans-traditionellen Kollektiv.

 

Cymin Samawatie
Maa shodane nou be nou (2023, Text Cymin Samawatie, persische Nachdichtung Ali Abdollahi)


Maa shodane nou be nou (»Das neue Wir«) entfaltet aus einem persischen Gedicht eine sehnsuchtsvolle Melodie. Sie besingt, wie Menschen einander in neu entstehenden Gemeinschaften jenseits überkommener Grenzkonzepte tragen können. Das Trickster Orchestra sucht hier nach den Geschichten von Migration und Postmigration, von Anschluss und Ausschluss im heutigen Deutschland. Im gemeinsamen Klang geht es weniger um Differenz als um Resonanz, um Ähnlichkeiten und geteilte Erfahrungen. Dieses neue Wir erscheint als Grenzgang und Möglichkeit zugleich, die das Individuum nicht aufgibt: »Das neue Wir, ein leichtes Wagnis, verwoben mit einer Fantasie aus mir.«

 

Cymin Samawatie
Wassertiger (2021)

Der Abschluss führt zurück zu einer Kreatur des Wassers: Wassertiger entstand 2021 im Rahmen des Programms Mimesis: Nothing is alien between us. Mimesis – Nachahmung, Darstellung, Verwandlung – ist ein Begriff, der seit der Antike künstlerische Prozesse beschreibt und Wirklichkeit nicht nur abbildet, sondern isolierte Identitäten verschwimmen lässt und so neue Welten hervorbringt. Der Wassertiger erscheint als Mythos für eine transkulturelle, postmigrantische Gesellschaft: ein Wesen ohne feste Kontur, das mit seiner Umwelt verschmilzt, von ihr geformt wird und sie zugleich mitgestaltet. In Nachahmung und Verwandlung lösen sich Grenzen auf – nicht im Verschwinden, sondern im Wandel. Dieser Wandel sucht nach Ähnlichkeiten, artikuliert das Alte neu und ermöglicht so, wie Czeslaw Milosz einmal schrieb, eine Sache zu betrachten und sich mit ihr zu identifizieren, um auf diese Weise ihr Wesen zu stärken.

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